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Farbpalette unserer Psyche

Wir machen Fortschritte ja, aber immer noch ist der Umgang mit psychischen Leiden oder Erkrankungen alles andere als selbstverständlich. Gespräche und Artikel über emotionales Befinden sind nach wie vor abstrakt und verkrampft, sie sind tabu. Es geht immer um die anderen und wenn sich doch mal jemand “outet”, dass es in seinem oder ihrem Leben Ängste und Sorgen gibt, wird sich dies mit unerschütterlichem Mut erklärt. Und doch schließen sie oft mit Sätzen wie “Es geht uns alle etwas an” oder “Es kann jeden treffen”, dies sind wahre Schlussfolgerungen, doch unser Denken und Verhalten zeigt etwas anderes.

Dichotomes Denken, bei dem nur in zwei Kategorien unterschieden wird, Schwarz-Weiß-Denken also, ist nach A.T. Beck ein klassischer kognitiver Denkfehler, welcher v.a. bei depressiven Patienten zu finden ist. Doch gerade dieser Denkfehler scheint mir in Bezug auf den Umgang mit unserer Psyche allgegenwärtig. Nachwievor scheint man den psychischen Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung in zwei Kategorien einzuteilen: entweder ist man “stabil” (synonyme.de: baumstark, beständig, bruchfest), mit sich im Einklang, ausgeglichen und zufrieden oder man ist völlig meschugge. Dazwischen ist nichts, kein grau, kein nichts. Und das erklärt vielleicht auch teilweise, den schwierigen Umgang mit diesem Thema: meschugge bin ich schon mal nicht und da sonst nichts bleibt, muss ich baumstark sein. Aber da ist so viel grau, und lila, und alle anderen Farben.

Es hilft hier sicherlich immer wieder den Vergleich zu den somatischen Erkrankungen zu ziehen, nicht nur weil beides untrennbar miteinander verbunden ist, sondern auch weil diese gesellschaftlich akzeptiert sind. Gespräche über somatische Erkrankungen oder Symptome finden mit völlig Fremden an der Bushaltestelle statt oder können ganze Familientreffen an sich reißen. Darüber redet man, immer und überall, und nicht abstrakt, sondern sehr konkret.

Wenn ich nun jemand bitten würde über sein Leben mit körperlichen Erkrankungen zu sprechen, über ihre Entstehung, Behandlung und Auswirkungen auf den Menschen, dann würde ich sicherlich nicht lange suchen müssen. Aber jeder würde spezifischer werden, es komme ja drauf an was man hat, um welche Erkrankung es sich handelt und wie sie sich zeigt. Eben.

Es gibt Erkrankungen, die von jetzt auf gleich das Leben auf den Kopf stellen, und welche die schleichend kommen, über Jahre hinweg schlummern und sich nur in ganz bestimmten Situationen zeigen. Es gibt Ausnahmezustände, da geht plötzlich nichts mehr und Leiden, an die man sich gut und schnell anpassen kann. Manche haben starke Auswirkungen auf das Leben, manche können zur Arbeitsunfähigkeit oder sozialen Isolation, von Zeit zu Zeit leider sogar zum Tod führen. Wiederum haben manche keinen Einfluss auf die berufliche Leistungsfähigkeit, die Partnerschaft oder Alltagsaufgaben. Manchmal dauern sie Tage, manchmal Wochen oder Jahre, manchmal heilen sie, ganz oder teilweise, für immer oder zeitweise. Manche erfordern stationäre Aufenthalte, manche Medikamente, manche regelmäßige ambulante Behandlungen. Und es gibt eben auch Erkältungen, die doof sind, aber irgendwie zum Leben dazu gehören.

All das trifft auch auf unsere mentale Gesundheit zu.

Es geht uns alle etwas an. Es kann jeden treffen.

2 Antworten zu “Farbpalette unserer Psyche

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