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Krank oder Gesund – Alles oder Nichts

Während sich der Durchschnittsdeutsche dank google schon unzählige (schwere) körperliche Erkrankungen selbst diagnostiziert hat, halten wir uns dabei mit psychischen Erkrankungen bisher in der Regel zurück. Mit der Psyche setzten sich Viele erst auseinander, wenn es gar nicht anders geht. Wenn man von Freunden und Familie dazu gedrängt wird, Hilfe aufzusuchen oder man im Alltag nicht mehr “funktioniert”. Erst wenn ein Fachmann irgendeine F-Diagnose auf einen Zettel kritzelt, dann muss man wirklich was tun, dann ist man wirklich krank.

Mentale Gesundheit bedeutet jedoch nicht die völlige Abwesenheit von jeglicher psychischer Beeinträchtigung, es geht hier niemals um Alles oder Nichts, es ist ein Kontinuum. Stressoren, egal ob als positiv oder negativ empfunden, können Schwankungen auf diesem Kontinuum auslösen, je nach Größe des Stressors und je nach Grundpersönlichkeit können diese kleiner oder größer ausfallen. Einschlafschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme, Appetitlosigkeit oder Weinen (und vieles mehr) können als völlig normale Reaktionen auf Belastungen aufgefasst werden. Solange diese in ihrem Ausmaß und ihrer Dauer zeitlich eng begrenzt sind, sind sie nicht krankheitswertig. Aber sie sind dennoch relevant und wichtige Wegweiser. Wenn unsere Gedanken seit Tagen um ein Thema kreisen, scheint es wohl ein Thema zu sein, was uns emotional beschäftigt. Wenn ich erschöpft und gereizt bin, habe ich mich vielleicht mit etwas übernommen. Rast das Herz immer in der gleichen Situation, bereitet mir anscheinend etwas großes Unwohlsein. Es lohnt sich dies anzuschauen und zu verstehen und im besten Fall etwas zu verändern.

Der Übergang von mentaler Gesundheit zu einer psychischen Erkrankung ist also lang und fließend. Es gibt für jede psychische Erkrankung genau vordefinierte Kriterien, die zur Vergabe erfüllt sein müssen. Das Vergeben von Diagnosen erlaubt es, sofort ein Grundwissen über Entstehung, Ausprägung und Behandlung abzurufen und dies auch zwischen Experten kommunizieren zu können. Und wir benötigen sie um unsere Leistungen abzurechnen. Aber nicht erst mit der Vergabe einer solchen, wird die Hinwendung zu unseren Gedanken und Gefühlen und Verhaltensweisen notwendig. Nur oftmals fangen wir eben dann erst an.

2 Antworten zu “Krank oder Gesund – Alles oder Nichts

  1. Das hier ist bislang mein Lieblingsartikel auf diesem Blog!

    Ich fand es lange total schwierig zu entscheiden, wann z.B. eine Stimmungsschwankung noch im „normalen“ Bereich ist und wann sie als „Krankheit“ definiert werden kann. Gerade weil es schließlich so viel normaler ist als viele denken, manchmal eben auch psychisch krank zu sein.

    Vor einigen Jahren habe ich deshalb sogar überlegt, ob man diesen Stempel „gesund“ und „krank“ denn eigentlich überhaupt braucht.

    Für mich ist vieles klarer geworden, als ich den Vergleich mit körperlicher Gesundheit angestellt habe: Eine Magen-Darm-Grippe, eine Erkältung zwischendurch, saisonaler Heuschnupfen, an manchen Tagen Kopfschmerzen, wenn man dazu neigt – das alles ist auch ganz „normal“ und in den meisten Fällen nicht lebensbedrohlich. Trotzdem würde niemand lange darüber nachdenken, ob er sich da „krankmelden“ kann. Damit muss man weder warten bis die Erkältung eine Lungenentzündung geworden ist, noch bis die Traurigkeit zur Depression geworden ist. Und bei leichtem Halskratzen muss eben jeder selbst entscheiden, ob er gleich präventiv die Notbremse zieht oder erst mal schaut, wie es sich entwickelt und ob es sich von selbst erledigt. Je besser man sich selber kennt, desto besser kann man das einschätzen. Und ich denke, mit psychischen Symptomen ist es da ganz genau so.

    Ich bin so froh, dass es die Bewegung gibt, sich für das Thema mehr zu öffnen und auch öffentlich darüber zu sprechen!

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