Don’t be sad, don’t be angry, don’t complain – just be happy and positive!

Don’t be sad, don’t be angry, don’t complain – just be happy and positive!

Bei vielen psychischen Erkrankungen ist die Wahrnehmung verschoben, das Denken gefärbt. Angstpatienten stehen häufig unter erhöhter Erregung, ihre Umgebung wird ständig nach möglichen Gefahren gescannt, die Katastrophen schon bildlich vor Augen. Depressive sehen oft schwarz oder zumindestens dunkelgrau, -bezüglich ihrer Genesung, ihrer Umwelt, ihrer eigenen Person.

An diesen Stellen setzt u.a. die kognitive Verhaltenstherapie an. Es werden sogenannte Denkfehler analysiert und schrittweise modifiziert und disputiert, heißt zum Beispiel, dass nicht-hilfreiche (negative) Gedanken durch hilfreiche (positive) Gedanken ersetzt werden, welche wiederum dann hoffentlich auch positive Gefühle nach sich ziehen.

Ahhh. Positives Denken!

Klar, das ist aktuell fast jedem ein Begriff. Im Zuge der sogenannten Selbstoptimierung versuchen Viele neben einer Ernährungsumstellung und regelmäßigem Sport, auch langgepflegte Denkmuster und wiederkehrende Emotionen zu hinterfragen und zu adaptieren. Wir wollen gesund sein, und wer gesund sein will, der muss positiv Denken und Fühlen, also wollen wir möglichst viel von diesen positiven Gedanken und Gefühlen, am liebsten wollen wir sie ausschließlich. Positives Denken, Achtsamkeit, Resilienz – zahlreiche Gruppen, Bücher oder Podcasts zeigen wie es geht.

Eine Auseinandersetzung mit eigenen automatischen Denk- und Verhaltensmustern ist für Menschen mit einer psychischen Erkrankung oft notwendig, für Menschen ohne Erkrankung kann sie dennoch hilfreich sein, vielleicht sogar präventiv. Und so kann es aussehen: Nicht immer das schlimmstmögliche Szenario annehmen, den Blick auf gute Dinge lenken, die im eigenen Leben existieren, anstatt mit Neid auf Andere zu gucken, Dinge loslassen, die man gerade nicht ändern kann. Eine begrüßenswerte Entwicklung. Doch wie fast bei allen Dingen im Leben, ist manchmal zu wenig von etwas, genauso ungünstig, wie zu viel davon.

Gibt es also etwas wie zu viel positives Denken? Aus meiner Sicht ja, wenn es zum MUSS wird. Wenn die Stimme der Gesellschaft plötzlich schreit: Don’t be sad, don’t be angry, don’t complain – just be happy and positive! Wir sollen verdammt nochmal glücklich sein, und fit und das stets und ständig.

Du bist unglücklich? Dann liegt das nicht an deinen Lebensumständen und Bedingungen, sondern es ist eine Frage deiner Einstellung. Wenn du negative Gedanken, oder sogar negative Gefühle hast, dann bist du nicht achtsam genug, nicht positiv genug, nicht gesund genug, nicht gut genug.

Statt zur Gesundung führt dies meiner Meinung nach jedoch in erster Linie zur Distanz. Distanz zu anderen, die sich vielleicht nicht mehr trauen, sich mit dem eigenen seelischen Befinden oder der aktuellen Beziehungsproblematik an einen zu wenden. Distanz zu sich selbst, wenn man bemerkt, dass nicht immer alles glatt läuft, dass sich negative Gedanken aufdrängen, trotz all der Disziplin kein glückliches Gefühl einstellen will, dass das Lächeln nur außen existiert, wir mal wieder nicht perfekt sind.

Wir müssen unterscheiden zwischen destruktiven, dysfunktionalen Gedanken, welche uns im Leben immer wieder ein Bein stellen oder Beziehungen zerstören und notwendigen negativen Gedanken, die uns die Richtung zeigen. Es ist okay mal traurig zu sein, sich Sorgen zu machen, Wut zu haben. Es ist auch okay, mal Neid zu empfinden oder sich mal übertrieben aufzuregen. Negative Gedanken und Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung, sie sind tatsächlich sinnvoll. Sie klopfen an, wenn uns jemand oder etwas nicht gut tun, wenn wir uns von unseren inneren Bedürfnissen wegbewegen, sie vielleicht sogar bedroht sind. Sie stürmen herein, wenn wir Ungerechtigkeit erleben, Verluste erfahren, Grenzen verletzt werden. Und wenn sie da sind, helfen sie uns beim reflektieren, verarbeiten und aktivieren.

Ein Leben ohne sie bedeutet auch alles immer so hinzunehmen wie es ist, es bedeutet Stillstand.

Try to be be happy and positive, and sometimes be sad and be angry and complain.

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