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Her mit den schönen Gefühlen!

Her mit den schönen Gefühlen!

Wie viel angenehme Gefühle fallen dir spontan ein? Und wann hast du sie zum letzten Mal erlebt? Hast du sie wirklich erlebt, oder kurz gespürt und dann wieder weggedrückt?

Paradoxerweise machen wir genau das ziemlich häufig. Erst wünschen wir uns möglichst viele schöne Gefühle, ja es kann gar nicht genug davon geben, wir wünschen sie uns so sehr und wir arbeiten hart daran sie zu bekommen. Und dann: drücken wir sie weg, machen sie klein, werten sie ab. Das glaubt ihr nicht? Hier ein paar Beispiele:

Wir sind nicht richtig stolz auf uns, weil wir ja bescheiden bleiben wollen.

Wir finden uns nicht richtig schön, weil das wär ja arrogant.

Wir stellen unsere Bedürfnisse nicht an erste Stelle, denn wir wollen auf keinen Fall egoistisch wirken.

Wir berichten nicht von unseren Erfolgen, weil wir niemanden verletzen wollen, oder aber, weil wir uns nicht zu früh freuen sollen, so zumindest das Sprichwort.

Nicht nur mein Kopf ist voll mit vermeintlichen Tugenden und fragwürdigen Sprichwörtern. Auch wenn es in unserem Leben wirklich wichtigere Dinge zu merken gibt, diese sind irgendwie hängen geblieben. Und noch bevor sich ein wohlig angenehmes Gefühl in unserem Körper richtig ausbreiten kann, ploppt in unserem Kopf die Tugend-Schranke auf: Achtung! Sei bescheiden! Sei genügsam! Sei nicht aufdringlich! Und das eben noch in den Startlöchern sitzende schöne Gefühl mit viel Potential wird sofort in seine Schranken verwiesen. Um ganz sicher zu sein, ja nicht eine Grenze zu überschreiten, erzählen wir am besten gar keine guten Neuigkeiten ohne sie mit einer großen Portion Zweifeln und Abschwächungen klein werden zu lassen und um ja nicht in die Angeberfalle zu tappen, konzentrieren wir uns sicherheitshalber gleich ausschließlich auf die Makel an unserem Körper. Komplimente? Nein, Danke!

Diese Leitsätze könne sich bei jedem von uns in den Kopf gebrannt haben, bei dem einem mehr, bei dem anderen weniger. Wir haben sie aufgeschnappt in unserer Umwelt und unserer inneren Ratgeberliste hinzugefügt. Wenn man bei duden.de bescheiden eingibt, wird als Beispielsatz die bescheidene Frau genannt. Joa, das kommt nicht von ungefähr. Die Frau ist in der Tat eine häufig betroffene Spezies. Denn nach wie vor werden in unserer Gesellschaft den Geschlechtern automatisch unterschiedliche Tugenden zugeschrieben. An jeder Stelle lohnt sich ein kritischer Blick.

Aber nicht nur diese Tugenden sind manchmal Gift für schöne Gefühle, sondern beispielsweise auch Sprichwörter, die auch heute noch an der Tagesordnung stehen. Also was fällt mir da spontan ein:

„Freu dich nicht zu früh!“ (Aha, wann genau ist es denn dann Zeit zum Freuen?) oder „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ (Wieso denn nur nicht?) oder wie ich erst kürzlich von einem Patient gelernt habe: „Vögel, die morgens singen, holt abends die Katze“ (Ok, das finde ich wirklich schrecklich). Statt uns mit unseren Stärken vertraut zu machen, haben wir v.a. eins gelernt: Dass Eigenlob stinkt! (Wirklich? Hat das jemals jemand überprüft?)

Das üben wir dann so lange, bis wir irgendwann jedes noch so kleine Glücksgefühl mit äußerster Skepsis beäugen und überhaupt kein Kompliment mehr annehmen können, nicht von unserer Umwelt und erst recht nicht von uns selbst. Solange wir es uns nicht erlauben, all diese positiven Gefühle zu empfinden und auch nach außen zu zeigen, können wir noch so viele Dankbarkeitsbücher vollschreiben, Dinge-die-ich-an-mir-mag-Listen anfertigen oder Positiv-Lebensläufe erstellen, es bringt nichts. Das sind dann einfach nur leere Worte in fancy Journals, mehr nicht.

Natürlich wollen die meisten Menschen nicht in einer Gesellschaft leben, die nur aus empathielosen, ausschließlich selbstbezogenen Wesen besteht, aber hier die Neuigkeiten: Man kann sich selbst UND andere lieben! Es ist genug Liebe und Anerkennung für alle da, ihr könnt mir glauben. Und wenn ihr noch etwas skeptisch seid, einfach ausprobieren.

Also her mit den guten Gefühlen! Lasst sie zu, spürt sie, sprecht sie aus und teilt sie mit anderen.

Vielleicht ist es dann oftmals gar nicht unbedingt notwendig, für ganz viel neue schöne Gefühle in unserem Leben zu sorgen, wenn wir für die, die sich ganz tief versteckt haben, einfach mal vertrauensvoll die Schranke öffnen.

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