mentale Gesundheit, psychische Gesundheit, Psychoedukation, Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie, Psychopharmakotherapie
Photo by Jungwoo Hong on Unsplash

Nicht häufiger, nur häufiger als gedacht: Psychische Störungen nehmen zu. Und zwar an Bedeutung, jedoch nicht an der Anzahl.

Überall kann man es hören oder lesen: Wir werden mental immer kränker, es ist eine regelrechte Epidemie, unsere moderne Gesellschaft bringt plötzlich Unmengen von psychisch Kranken hervor. Dies wird u.a. erklärt mit dem Fortschritt der Digitalisierung und viel zu viel Stress. Auch in Fachvorträgen oder -artikeln werden diese Warnungen immer noch regelmäßig verbreitet.

Diese Annahme steht häufig in Verbindung mit Untersuchungen bzgl. steigender Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Frühberentungen aufgrund von psychischen Erkrankungen. Doch, gleichzeitig zeigen sich Krankheitsfälle und Berentungen aufgrund von körperlichen Erkrankung als rückläufig. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass psychische Beeinträchtigungen früher nicht oder eben als etwas anderes diagnostiziert wurden. Aus Unwissenheit, Unachtsamkeit oder bekannten Angst und Schamgefühlen.

Es scheint als würden psychische Erkrankungen zunehmen, weil sich unser Gesundheitsbewusstsein diesbezüglich gebessert hat. Viele sind heute eher bereit aufgrund von psychischen Erkrankungen ärztliche und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich dann auch mit diesen zu zeigen.
Es scheint als würden psychische Erkrankungen zunehmen, weil sich unser Fachgebiet stetig verbessert, Diagnosesysteme und das Fachpersonal immer präziser werden.
Es scheint als würden psychische Erkrankungen zunehmen, weil wir eine deutliche Zunahme an medialer Berichterstattung verzeichnen. Aber auch in unserem persönlichen Umfeld zeigt sich eine veränderte Wahrnehmung für mentale Gesundheit, bei uns selbst und auch bei anderen.

Doch: Es gibt im Moment keine Hinweise darauf, dass psychische Störungen relevant zunehmen!  Bei den Analysen darf nicht auf das Gesundheits- und Diagnoseverhalten, sondern auf die tatsächliche Prävalenz von psychischen Störungen geachtet werden.

Psychische Störungen sind – waren aber auch immer – sehr häufig. Sie sind also nicht häufiger als früher, sondern nur häufiger als früher gedacht. Diese Darlegungen entsprechen auch intuitiv viel besser meiner ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen, in welcher somatische und psychische Prozesse gleichermaßen relevant sind. Und es zeigt, dass die Beschäftigung mit mentaler Gesundheit kein Trend von gelangweilten Industrienationen und die Entstehung von mentaler Krankheit keine Folge moderner Digitalisierungsprozesse sind, sondern dass mentale Prozesse zu uns Menschen dazugehören, schon immer, sie sind normal.

Das heißt keinesfalls, dass wir die Bedeutung von psychischen Erkrankungen heute überschätzen, sondern dass wir sie lange Zeit unterschätzt haben. Und das heißt auch keinesfalls, dass wir in Richtung Aufklärung und Akzeptanz bzgl. seelischer Gesundheit am Ende angekommen sind. Es ist noch ein weiter Weg, aber der Weg zeigt offensichtlich in die richtige Richtung.

(mehr dazu in diesem ausgezeichneten Artikel von Prof. Dr. Frank Jacobi: http://www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/jacobireportpsychologie2009.pdf)

2 Antworten zu “Nicht häufiger, nur häufiger als gedacht: Psychische Störungen nehmen zu. Und zwar an Bedeutung, jedoch nicht an der Anzahl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.